Sonntag, 8. September 2013

Stramu Würzburg 2013

Zum zehnten Jubiläum konnte das Stramu-Festival circa 100.000 Besucher in die Würzburger Innenstadt locken. Zumindest bleibt die Zahl ähnlich beeindruckend, wenn man einfach mal davon ausgeht, dass sich ein Großteil davon nicht zufällig an diesem - nun vergangenen - Wochenende in der Fußgängerzone befunden hat und tatsächlich mit der Überzeugung kam, sich Musik anzuhören und Artisten anzuschauen. Ich war für die Tauber-Zeitung unterwegs. Nach kürzester Zeit hatte mich die Fußgängerzone aber wieder in ihrem Bann.

Natürlich ist das auch immer eine wundervolle Sache für Familien: Wie Zirkus, nur den ganzen Tag über und in der ganzen Stadt. Und auf die Person heruntergerechnet (bei einer von mir geschätzten Durchschnittsspende von ungefähr 1 Euro und 80 Cent pro Künstler und Kind, das gerne etwas in den Hut werfen möchte) bei Weitem günstiger. Aber davon abgesehen muss gesagt werden, dass dieses Festival neben dem "Umsonst & Draußen" auf jeden Fall eine der Perlen im Veranstaltungskalender der Stadt ist. Vor allem auch musikalisch.

Wo sonst wird die ohnehin relativ kleine aber unsagbar kreative Straßenmusikszene jenseits von Sportfreunde-Stiller-Cover-Duos derart gefördert und mit Begeisterung gefeiert wie hier? Und wenn pro Jahr nur zehn von 100 Künstlern tatsächlich neu für das aufmerksame Publikum sind, dann ist das schon ein ungemeiner künstlerischer Gewinn.

Der Moment, der mir dieses Jahr ein weiteres Mal klar gemacht hat, dass dieses Festival wichtig ist, war das "Konzert" (man sollte in dem Fall eher von einer "Darbietung" sprechen, befinden wir uns doch in der Fußgängerzone) der Analogue Birds am Freitagabend. Für Straßenmusikverhältnisse ein relativ aufwändiger Aufbau. Schlagzeug, Gitarre, Effektgeräte, ein Oud (arabische Kurzhalslaute), Synthesizer, ein Looper und das Kernstück des Konzepts: das Didgeridoo.



Drei Musiker spielen also gegen 21 Uhr eine Mischung aus Weltmusik, Didgeridoo-Virtuosentum, Drum'n'Bass und Goa. Die Zuschauer sind eher von der entspannten Sorte, Menschen mit denen ich gerne auf Konzerten bin, weil viel gelächelt und sich über die Musik gefreut wird. Und plötzlich springt der Funke über: innerhalb von 10 Minuten tanzen an die 40 Menschen völlig frei als eine Art lebendiger Zellkern einer Menschentraube, die des Straßenbahnführers wahrgewordener Albtraum zu sein scheint.

Selten nur fühlt man, dass gerade einfach alles stimmt. Alles tanzt auf das Wummern des uralten Instruments, keiner meckert. Und das alles mitten auf der Straße. Ohne Bühne, Licht und Boxentürme. Open Air ist ein feuchter Dreck dagegen.

Analogue Birds sorgen auf dem Stramu für rhythmische Bewegung. Foto: Justus Neidlein

Authentizität ist wohl das Stichwort bei der ganzen Sache. Wer auf der Straße nicht authentisch ist respektive authentisch seine Rolle spielt, der erntet nicht mehr als ein "Lass uns mal was zum Trinken holen". So zumindest meine Einschätzung nach eingehender Selbstbeobachtung. Und authentisch waren die Analogue Birds, ihreszeichens zum Teil schon alte Hasen und schon zum achten Mal auf dem Stramu-Festival. Man merkt es.

Aber auch die nicht so alten Hasen haben überzeugt. Jon Kenzie, sichtlich gerädert von Dingen, die am Vorabend passiert sein könnten, begeistert mit wunderschönen Songarrangements und Spielgefühl. Rory Charles spielt einen Song, zieht seine Schuhe aus, schließt die Augen und spielt weiter. Und die Würzburger The Instant Voodoo Kit sind so herrlich extrovertiert wie eh und je.

Diese Authentizität und ungezwungene Aufrichtigkeit der Kunst gegenüber ist es wohl, was mich am heutigen Sonntag den kompletten Tag in der Stadt herumlaufen hat lassen. Da schießt man gerne Fotos, hört zu und wirft in Hüte. Danke dafür!


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