Mittwoch, 3. Dezember 2014

AnnenMayKantereit: Warum sagt keiner "Rio"?


Henning May - zuständig für das "May" im Bandnamen, den Gesang und die Melodica. Foto: Justus Neidlein

Ist es die offensichtliche Straßenerprobtheit ihrer Musik? Die charakteristisch tief-kratzige Stimme aus dem Mund des hoch aufgeschossenen Henning May? Die gesunde Portion Pop im Singer-Songwriting der Band? Schwer zu beschreiben, was die Anziehungskraft der Kölner AnnenMayKantereit ausmacht.

Staccato: Drei Namen und Tieftöner

Christopher Annen, Henning May, Severin Kantereit. Die Erklärung des Bandnamens ist damit hinfällig. Unter den Tisch fallen wechselnde Bassisten, die allesamt hervorragende Musiker sind und oft Lars Lötgering heißen.

Die drei bis vier Musiker jedenfalls könnten normaler nicht sein. Keine Extravaganz, kein Style, kein Getue. Menschen eben, die eher dadurch auffallen, dass sie in Germanistik-Seminaren oft die einzigen Männer sind. Auf ihren Konzerten aber auch.

Schnitt. Neue Szene.

Staccato: Würzburg - Kellerperle

Ein lauschiger Lieblings-Live-Club unter der Stadtmensa. Verkauft das Bier billig, schließt um halb zwölf. Besucheranzahl bei den Konzerten, die ich dort besuche: 15 bis 50 Zahlende. Das angekündigte Konzert von AnnenMayKantereit wurde um einen Monat verschoben. Der erste Termin war schon ausverkauft, zum zweiten wurden ein paar Bänke beiseitegerückt und es gab nochmal Kartennachschub - wieder ausverkauft. Nimmt man hin. Am Abend dann Schlangestehen im Treppenhaus. Viele Frauen, viele Freunde von Frauen.

Als ich die AMK-Band zum ersten Mal live gesehen hab, saß ich mit Freunden hinter dem Mischzelt des Weinturm Open-Airs auf vertrocknetem Gras. Erst ein bis zwei Wochen später dämmerte mir dann, dass dort eine Band auf der Bühne stand, die nichts zu tun hat mit dem Schülerband-Charme, den sie zu versprühen scheint. Die Texte gehen tief, der Groove fließt weich, die Musik ist packend.



Und immer wieder denke ich bei bestimmten Textzeilen und an gewissen Gesangsparts an Rio Reiser. Die AMK-Band versucht gar nicht erst, diese Referenz zu verstecken. Und ich glaube, sie sind auch etwas stolz darauf, nicht bloß Musik sondern Musik mit einer Prise Scherben-Charme zu spielen. Nur gehen sie damit auch nicht hausieren. Und das ist sympathisch. Nur verwundert es mich etwas, dass diese Referenz in bisherigen Besprechungen zu AnnenMayKantereit nicht präsenter ist.

Fakt ist: AnnenMayKantereit haben offenbar nicht nur in Würzburg Konzertlocations gefüllt. Und offenbar waren auch nicht nur in Würzburg überdurchschnittlich viele junge Frauen mit von Partie. Denn kurz nach dem Termin in der Kellerperle kommt die Neuigkeit, die ich seitdem schon vermutet habe: die drei begleiten Clueso auf dessen Tour Ende 2014. Nicht falsch verstehen: Ich habe eigentlich nichts übrig für derartige geschlechtsspezifische Musikgeschmackseinteilungen - aber Clueso ist dann doch Clueso. AMK sei das breite Publikum gegönnt. Bleibt zu hoffen, dass künftig auch weitere Songs wie "Wohin du gehst" entstehen und nicht nur Allerweltsballaden, die sie bisher charmant umschifft haben.

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